Randnotizen – New Work

„New Work ist, wenn wir aufhören, Menschen für ihre Zeit zu bezahlen.“
— Ich hab das aufgeschrieben und wusste sofort, dass es stimmt. Und gleichzeitig: dass es Blödsinn ist.
Vielleicht beides. Vielleicht ist alles beides inzwischen.Wirkung… ja.
Aber Wirkung hat keine Kontinuität.
Sie kommt, sie geht. Manchmal flackert sie nur auf wie eine Glühbirne mit Wackelkontakt.
Und trotzdem reden wir darüber, als könnten wir sie in Verträge schreiben.Die Reinigungskraft, die in zwei Stunden mehr schafft als in zehn.
Verdient sie mehr oder weniger?
(Sollte ich das Beispiel überhaupt noch mal bringen oder ist es schon zu oft verwendet?)
Notiz am Rand: „Effizienz als Lohnfalle“ klingt gut, behalten.

Ich weiß nicht, ob Wirkung ein fairer Maßstab ist.
Vielleicht ist sie nur das neue Wort für „Erwartung“.
Bitte recherchieren: Wirkung im öffentlichen Dienst? Gender-Care-Verträge? Gibt’s sowas?

Zeit bleibt heimlich die Währung.
Auch wenn wir sie umbenennen, verstecken, in „Sprint Points“ oder „Value Units“ gießen –
am Ende zählt immer, wie lange jemand dafür gebraucht hat.
(Erinnerung: EuGH Urteil C-55/18 → Pflicht zur Zeiterfassung → haha, New Work trifft Realität.)

„Zeit abschaffen“ Quatsch.
Wir sind Biologie, nicht Cloud.
Zeit ist das, was unsere Körper kostet, nicht was die Uhr misst.
Ich hab das schon auf LinkedIn angerissen, aber da hat’s keiner verstanden.
Vielleicht hab ich’s selbst nicht verstanden.

Ich hatte diese Formel — WZB = Wirkung × Zeit × Belastung.
Klang kurz klug.
Dann dachte ich: wenn jemand doppelt so viel Belastung hat, kriegt er doppelt so viel Geld?
(ironisches Lachen im Hintergrund)
Oder nur doppelten Stress?
Notiz: vielleicht Belastung als sozialer Multiplikator, nicht monetär.

Wirkung ist geschlechtscodiert.
Das hab ich irgendwann nachts hingeschrieben und bin aufgestanden, um’s zu unterstreichen.
Männlich: sichtbar, laut, skalierbar.
Weiblich: unsichtbar, still, relational.
Care-Arbeit als stilles Betriebssystem.
Ohne sie läuft gar nichts, aber sie bekommt kein Icon auf dem Desktop.

Bitte überprüfen: Eva Illouz → „Emotionaler Kapitalismus“;
Joan Tronto → „Ethik der Fürsorge“.
Beide sagen dasselbe in unterschiedlichen Tonlagen:
Gefühle sind Arbeit.
Und Arbeit ist immer auch Gefühl.
Wir tun nur so, als wären die beiden trennbar.

Ich hab irgendwo gelesen:
„Selbstverantwortung ist das Trojanische Pferd des Neoliberalismus.“
Das stimmt.
New Work redet von Freiheit, aber meint Kontrolle.
Vertrauensarbeitszeit ist nur schön verpackte Unsicherheit.
Du sollst dich frei fühlen, während du dich selbst beaufsichtigst.
Randnotiz: Vielleicht neuer Begriff → *Selbstkontrollierte Freiheit*?

Ich stolpere immer wieder über das Wort „Vertrag“.
Es klingt so neutral.
Aber ein Vertrag ist eine Machtskizze.
Er sagt: wer darf scheitern, ohne zu verlieren?
(Die Antwort ist fast nie: die mit der geringeren Stimme.)

Ich hatte kurz das Gefühl, das WZB-Modell könnte was lösen.
Dann fiel mir auf: es ist wieder nur ein System, das komplexe Menschen in Spalten presst.
Formeln sind Trostpflaster, keine Lösung.

Notiz am Rand:
„Vor 1800 – Arbeit = Leben.“
„1800+ – Arbeit = Zeit.“
„2025 – Arbeit = Wirkung?“
Zwischenfrage: Wann wird Arbeit wieder Beziehung?

New Work als Sprache ist verdächtig.
Es klingt nach Revolution, riecht aber nach Marketing.
Ich will wissen, wer die Begriffe zuerst in PowerPoint gegossen hat.
Bitte recherchieren: *Frithjof Bergmann, ja, aber wer kam danach?*
Zwischenablage: Laloux, Graeber, Bergmann, Doerr, Illouz, Tronto.

Ich merke, wie mein Denken selbst tayloristisch wird.
Ich will Wirkung in Stichpunkten ordnen,
will Sinn in Kapiteln ablegen.
(Selbsterkenntnis = halbe Entlastung)

Wenn wir Wirkung messen, verlieren wir die Stille dazwischen.
Diese Momente, in denen nichts passiert, aber alles arbeitet.
Kaffeepausen. Spaziergänge.
Die Stellen, an denen Gedanken sedimentieren.
Rand: vielleicht sind das die eigentlichen „Produktivmomente“.

Wirkung ohne Pause = Dauerproduktion.
Und Dauerproduktion ist Erschöpfung.
Care-Arbeit weiß das schon ewig.
Tech-Menschen merken es erst, wenn ihr MacBook glüht.

Ich habe Angst, dass New Work die alte Welt nur recycelt.
Gleiche Struktur, neue Icons.
„Workflows“ statt „Fließband“.
„Mindset“ statt „Gehorsam“.
„Purpose“ statt „Pflicht“.
Der Code ist moderner, aber das Programm bleibt gleich.

Vielleicht ist die einzige ehrliche Definition von Arbeit:

Arbeit ist das, was uns müde macht – körperlich oder seelisch – und trotzdem notwendig bleibt.

Bitte querlesen: bpb APuZ 46/2023 (Zukunft der Arbeit),
Lanfranconi „Gender Perspectives on New Work“,
Boeckler Stiftung, Haufe – Zeiterfassung, BAG 1 ABR 22/21.
Hinweis: Nicht alles zitieren. Nur das, was weh tut.

Ich wollte eigentlich eine klare These.
Jetzt hab ich 30 lose Fäden.
Vielleicht ist das ehrlicher.
Vielleicht ist das schon Arbeit.

Randbemerkung, spät in der Nacht:
Wirkung ist wie Liebe: je mehr man sie misst, desto weniger bleibt übrig.