Eine kleine Bestandsaufnahme zwischen Vibe-Coding, VIPe, Wipe-Coding und Prompt-Engineering
Es gibt Tage, da fühlt sich die Tech-Szene an wie ein schlecht kuratiertes Buzzword-Bingo.
Kaum scrollt man einmal zu weit, stolpert man über Begriffe wie:
Vibe-Coding
VIPe
Wipe-Coding
Prompt-Engineering
Prompten
„Ich hab ChatGPT gefragt“
Alle meinen irgendwie dasselbe.
Und doch meint jeder etwas anderes.
Zeit, das einmal sauber auseinanderzunehmen – nicht um Begriffe zu verteidigen, sondern um zu verstehen, was wir da eigentlich gerade tun.
Vibe-Coding: Arbeiten nach Gefühl (und Algorithmus)
Fangen wir mit dem aktuell populärsten Begriff an.
Vibe-Coding beschreibt im Kern einen Zustand:
Man beschreibt, was man will
Die KI liefert irgendetwas
Man iteriert, solange es sich richtig anfühlt
Hauptsache, der Flow reißt nicht ab
Das ist kein Vorwurf.
Das ist ein Modus.
Vibe-Coding ist das, was passiert, wenn:
man experimentiert
man lernt
man spielt
man neugierig ist
Problematisch wird es erst, wenn aus diesem Zustand eine Methode gemacht wird.
Denn ein Vibe:
ist nicht dokumentiert
ist nicht reproduzierbar
ist nicht übertragbar
ist nicht überprüfbar
Vibe-Coding funktioniert hervorragend –
solange nur eine Person beteiligt ist und niemand Verantwortung übernehmen muss.
Prompten: Ich tippe, was mir einfällt
„Prompten“ ist die sprachliche Kurzform von:
Ich rede mit einer KI.
Mehr nicht.
Prompten kann alles sein:
ein Satz
ein Roman
eine halbe Idee
eine emotionale Eingebung
ein Copy-Paste aus StackOverflow
ein „mach mal besser“
Prompten ist keine Disziplin, sondern eine Tätigkeit.
So wie „Tippen“.
Niemand würde sagen:
„Ich habe ein neues Software-Paradigma: Tastatur-Coding.“
Aber bei KI sind wir erstaunlich großzügig.
Prompt-Engineering: Ordnung im Gespräch
Prompt-Engineering ist der Versuch, dem Ganzen Struktur zu geben:
Rollen definieren
Kontexte setzen
Formate vorgeben
Iterationen steuern
Ergebnisse vergleichen
Prompt-Engineering ist keine Magie.
Es ist Gesprächsarchitektur.
Und genau hier fängt die Verwirrung an:
Denn vieles, was heute als Vibe-Coding verkauft wird, ist schlicht unsauber ausgeführtes Prompt-Engineering – ohne es so zu nennen.
VIPe: Vibe-Inspired Prompt Engineering
VIPe taucht in diesem Kontext als Begriff auf, der versucht, zwei Welten zusammenzubringen:
den Vibe (Intuition, Gefühl, Vision)
das Engineering (Struktur, Prozess, Verantwortung)
VIPe sagt nicht:
„Vergiss den Vibe.“
Sondern:
„Nimm ihn ernst genug, um ihn zu formalisieren.“
Das bedeutet:
Der Vibe ist der Startpunkt
Nicht der Endzustand
VIPe ist kein neues Werkzeug.
Es ist ein Ordnungsversuch.
Ob man das braucht?
Kommt darauf an, was man baut – und mit wem.
Wipe-Coding: Wenn der Vibe alles wegwischt
Und dann gibt es noch Wipe-Coding.
Kein offizieller Begriff, aber jeder kennt es.
Wipe-Coding ist der Moment, wenn:
alles irgendwie funktioniert
niemand mehr weiß, warum
Änderungen alles kaputt machen
Entscheidungen nicht mehr erklärbar sind
man sagt: „Lass das lieber so, sonst geht’s wieder nicht“
Wipe-Coding ist das natürliche Endstadium von:
ungefiltertem Vibe-Coding
undokumentiertem Prompten
blindem Vertrauen in KI-Output
Es fühlt sich produktiv an –
bis es das nicht mehr tut.
„Ich hab ChatGPT gefragt und der hat gesagt …“
Dieser Satz ist das eigentliche Kernproblem.
Nicht, weil ChatGPT „falsch“ liegt.
Sondern weil er jede Verantwortung aus dem Satz entfernt.
Nicht ich habe entschieden.
Die KI hat gesagt.
Das ist kein Engineering.
Das ist Delegation ohne Rückversicherung.
KI kann Vorschläge machen.
Aber:
sie trägt keine Verantwortung
sie kennt keinen Kontext jenseits des Prompts
sie haftet nicht für Entscheidungen
Wer baut, bleibt verantwortlich.
Auch wenn der Prompt noch so gut war.
Also: Ist das nicht alles dasselbe in unterschiedlichen Kleidern?
Ja.
Und nein.
Alles bewegt sich im Spektrum von Prompt-Engineering.
Der Unterschied liegt nicht im Begriff, sondern im Reifegrad:
Vibe-Coding → Exploration
Prompten → Interaktion
Prompt-Engineering → Struktur
VIPe → Prozessbewusstsein
Wipe-Coding → Warnsignal
Die Begriffe sind nicht das Problem.
Das Problem ist, wenn man sie verwechselt.
Mein persönliches Zwischenfazit
Ich habe keine Lust auf Buzzword-Religionen.
Aber ich habe Lust auf Begriffe, die mir helfen, klarer zu denken.
Wenn VIPe mir hilft:
Vibes nicht zu verlieren
aber trotzdem Verantwortung zu übernehmen
dann nutze ich es.
Nicht, weil es neu klingt.
Sondern weil es mich zwingt, langsamer und sauberer zu arbeiten.
Und wenn sich am Ende herausstellt,
dass das alles nur Prompt-Engineering mit besserer Dokumentation war?
Dann wäre das kein Scheitern.
Sondern ein ziemlich ehrliches Ergebnis.
Ich habe ChatGPT gefragt.
Aber entscheiden musste ich trotzdem selbst.
Fortsetzung folgt.
Vielleicht.